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Studium oder Ausbildung?

Jens Rumpza ist Diplom-Arbeitswissenschaftler, Coach und gibt Workshops bei unseren Jobmessen. Im Interview sprechen wir mit ihm über die Vorzüge von Studiengängen, Ausbildungen, darüber, wie junge Menschen den richtigen Weg für sich finden und den Status Quo unseres Bildungssystems.

Als junger Mensch sieht man die Karrierechancen vor lauter Berufsmöglichkeiten nicht. Wie kann man eigenständig versuchen, das Richtige für sich rauszufiltern?

Der Bedarf ist definitiv da: knapp 500 Ausbildungsmöglichkeiten, an die 19.000 Studiengänge. Die meisten sind viel zu überfordert mit der Vielzahl der Studienmöglichkeiten und beschränken sich eher auf die Klassiker wie BWL oder Jura – ohne wirklich ein Interesse daran zu finden. Es gibt inzwischen einen sogenannten Studiuminteressentest (SIT), der ist ganz gut. Der beruht auf dem Allgemein-Interessen-Struktur-Test oder anders gesagt: methodisch auf den Holland-Codes. Dr. John Holland hat in den 60er-Jahren bestimmte Berufsgruppen entwickelt und in dem Test gibt es Fragen, wie bspw. „Möchten Sie später gerne mit Metall und Holz arbeiten?“ Eine positive Antwort darauf wäre ein Indikator für jemanden, der sich in einem technischen Beruf wohlfühlt. Nächste Frage „Würden Sie gerne anderen Menschen etwas beibringen?“ Potenzielle Lehrer und Unterrichtende würden sich eher in diesem sozialen Umfeld wohlfühlen. Diese Codes sind inzwischen brauchbar. Der Studiuminteressentest ist eines der besten Instrumente, die es im Moment kostenlos und für Schüler und Studenten gibt. Man muss gerade mal 60 Fragen in einer Viertelstunde beantworten und damit sind erste Trends erkennbar. Das ist so der erste Weg, den ich empfehle, wenn man das ganze alleine machen möchte.

Funktioniert der Test auch für Menschen, die eine Ausbildung machen möchten?

Ja, absolut! Da ist allerdings die Frage, inwieweit man die Vorschläge in konkrete Ausbildungsberufe umsetzen kann oder habe nur eine grundsätzliche Idee bekommt, ob bspw. eher kaufmännische oder sozial-pflegerische Berufe einem zusagen. Da wäre der nächste Schritt zu gucken, was es in diesem Berufsfeld an Möglichkeiten gibt. Da arbeite ich ganz gerne mit dem „Beruf im Überblick“ von der Agentur für Arbeit. Die haben sich inzwischen auch wirklich als brauchbare Informationsquellen erwiesen. Das sind einzelne Faltblätter mit 16 verschiedenen Berufsfeldern. Für die Felder werden alle Berufe wie bspw. Verkehr/Logistik/Spedition aufgeführt inkl. Der Weiterbildungsmöglichkeiten und Studiengänge. Wenn es schnell gehen soll: Einmal diesen Fragebogen durchgehen, eine Tendenz herausarbeiten und mit diesem Persönlichkeitstyp ein Berufsfeld ausmachen. Das ist so der erste Schritt, aber nicht unbedingt konkret ergiebig.

Für viele ist ja auch gar nicht immer das Problem: „Welche Ausbildung oder welcher Studiengang?“, sondern viele tun sich schon schwer bei  der Entscheidung, ob sie überhaupt studieren oder erst einmal eine Ausbildung machen. Oder Work & Travel? Wie würden Sie die Vor- und Nachteile aller Möglichkeiten beschreiben?

Das hängt immer sehr stark mit der persönlichen Lebensplanung zusammen. Man kann das schwer pauschalisiert sagen, auch weil die Arbeitgeber das unterschiedlich sehen. Es gibt Arbeitgeber, die finden das super, wenn junge Leute Work & Travel gemacht haben, weil sie dann einfach geistig reifer und einen Schritt weiter gekommen sind. Andere finden es besser, wenn man mit ganz jungen 23-jährigen Berufsanfängern arbeitet, weil man die dann im Traineeprogramm nochmal besser für die Firma einstimmen kann. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Ich persönlich würde jedem, der es kann und die Möglichkeiten hat, zu einem dualen Studium zum jetzigen Zeitpunkt raten. Das duale Studium bietet die besten Berufsmöglichkeiten. Das zusammen in Kombination mit einem Auslandsaufenthalt ist eigentlich das Beste, was man als junger Mensch machen kann.

Warum das duale Studium? Weil es Praxis und Theorie verbindet?

Ja. Und weil es sehr sehr hoch angesehen wird. Weil bspw. ein Maschinenbauingenieur nicht nur den technischen Hintergrund hat, sondern sich als Mechatroniker schon einmal selbst die Hände schmutzig gemacht hat. Es ist also besser als ein Studium mit Praktika und wird in der Industrie sehr gerne gesehen. Ist allerdings nur für kaufmännische und technische Berufe, inzwischen aber auch für Pflege geeignet. Das ist ein zartes Pflänzchen, das wächst. Grundsätzlich finde ich das aber schon gut. Was ich allerdings immer noch individuell mache, ist eine Zeitplanung. Also ganz konkret: Wie soll mein Leben im Jahr 2025 aussehen? Und von da aus rückwärts betrachtet gucken: Was sind die nächsten Schritte, welche Meilensteine habe ich und welche Zeiträume habe ich, um diese Meilensteine zu verwirklichen?

Also Projektmanagement für sich selbst?

Ja, da ermutige ich die jungen Leute auch, weil viele diesen großen Berg als unüberwindbar sehen und dann lieber verharren und nichts tun, als den nächsten Schritt zu machen. Also diese Rückwärtsbetrachtung ist wirklich sinnvoll: Bis 2025 möchte ich das und das erreicht haben, dafür sind die einzelnen Schritte folgende: Einschreibung, Bewerbungsfristen, Masterabschluss, Bachelorabschluss bis hin zum Abitur. Das hilft jungen Leuten auch, dass sie nicht erschrecken vor der Frage „Was mach ich da?“, sondern eher Ziele setzen, die realistisch sind und die sie auch gut erreichen können.

Mir fällt gerade auch noch die Werkstudententätigkeit als Option ein.

JR: Grundsätzlich muss ein junger Mensch herausfinden, ob das überhaupt etwas für ihn ist. Etliche, die am Studium scheitern, für die ist das Studieren als solches nicht unbedingt das Richtige. Ich sehe es bei meinem Sohn zum Beispiel. Der hat drei Semester Energy Science studiert und gesagt „Ich pack das nicht, das ist mir zu hoch.“ Und jetzt macht er eine Ausbildung zum Zimmermann und ist total glücklich. „Ich bin handwerklich total gut, da kann ich mich austoben, ich sehe, was ich am Ende des Tages geschafft habe.“ – also ein kompletter Wandel aus den eigenen Erfahrungen heraus. Manchmal müssen junge Leute auch einfach die Erfahrungen machen.

Kann man denn grundsätzlich mit einer Ausbildung genauso weit kommen, wie mit einem Studium?

JR: Das kommt auch auf das Berufsfeld an. Auch hier ist die Frage: „Was ist das Ziel? Möchte ich viel Geld verdienen? Möchte ich Karriere machen?“ Bei manchen sind diese Möglichkeiten mit einem nicht-akademischen Weg verbaut. Man kommt nicht so wie früher mit einer Ausbildung so weit, wie es vor Jahrzehnten noch der Fall war, sondern heutzutage muss man den Diplom-Kaufmann haben, um in die Geschäftsführung zu kommen – oder am besten noch einen Doktor-Titel. In solchen Fällen muss ein Studium da sein. Allerdings: Wenn ich das mit Leuten vergleiche, die Kommunikationswissenschaften studiert haben oder andere Medienfächer, so verdienen diese Leute weniger als ein Mechatroniker, der Hydraulik als Zusatzqualifikation hat und sich bspw. mit Solaranlagen beschäftigt oder mit erneuerbaren Energien. Der wird, was das Geld betrifft, sehr viel weiter kommen. Was den Status betrifft, da sind die Grenzen mit einer Ausbildung gesetzt. Aber grundsätzlich kann man nicht 1:1 sagen, dass ein Studium immer besser ist, das würde ich niemals unterschreiben.

Wie erkennt man denn dann, welcher Typ man ist? Sei es, in welchem Fachbereich, ob generell Studium oder Ausbildung? Wie erkennt man, wofür man gemacht ist?

Ich verfolge ganz konsequent den biographie-orientierten Ansatz und damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Das heißt man produziert erstmal natürliche Erinnerungen. „Was habe ich alles gemacht, in meinem noch relativ jungen Leben? Was ist auch im Privatleben vielleicht passiert?“ Dann werden daraus positive Erlebnisse abgeleitet, wie zum Beispiel ein Sportfest, was man gewonnen hat, oder ein Büfett, was man mit den Eltern zusammen gekocht hat oder auch beispielsweise andere Erfolge, die aus der Schule resultieren und dann werden daraus Erfolgsgeschichten geschrieben. Und die Erfolgsgeschichten dienen wiederum dazu, die eigenen Fähigkeiten und persönlichen Eigenschaften zu reflektieren. Also wenn ich fünf positive Erlebnisse habe, die ich als Erfolgsgeschichten sehe, wo ich immer wieder gezeigt habe „Ich habe sehr viel kommuniziert“, komme ich auch dahinter, dass Kommunikation mein Ding ist. Das ist meiner Meinung nach der einzige Weg Und auch ein authentischer, da man ja die eigene Biographie nutzt. Alles andere funktioniert nicht. Diese Ankreuzbögen und diese Listen, die man hat, werden oftmals sozialerwünscht ausgefüllt. Das heißt also die Schüler kreuzen an: „Ich bin kommunikativ“, aber eigentlich sind sie es nicht wirklich

Die „big five“ sind Persönlichkeitseigenschaften, die fünf großen Persönlichkeitsmerkmale, die man hat. Da gibt es auch vernünftige Fragebögen, die sind gut operationalisiert, die sind konsequent durchdacht, die sind gut konstruiert – aber viele kreuzen so an, wie sie gerne wären und nicht, wie sie wirklich sind. Und das ist das, wo man immer eine verzerrte Wahrnehmung hat. Und da helfen letztendlich nur die eigene Biographie und eigene Erfolgserlebnisse, wo herauskristallisiert wird: „Ist man jemand, der schon immer gerne vor der Klasse gesprochen hat? Ist man schon immer jemand gerne gewesen, der im Stillen organisiert hat? Oder als Kind war man jemand, der schon immer besonders pflichtbewusst war, oder vielleicht auch besonders kreativ?“

Dafür braucht man aber natürlich auch ein hohes Maß an Selbstreflektion, oder nicht?

Ja, aber das kriegt man hin. Man muss sich ja mit sich selbst beschäftigen, um herauszufinden, wohin man will und welchen Weg man dafür gehen muss.

Nochmal zurück zur Schule: In Schweden gibt es ja bspw. ein völlig anderes Bildungssystem – da werden Kinder schon früh an Laptop-Arbeit und so weiter herangeführt. Was würden Sie am deutschen Bildungssystem loben, aber auch kritisieren?

Pff, was gibt’s da zu loben? Nicht so viel. Muss ich ganz ehrlich sagen. Also wenn Sie das Bildungssystem nehmen, ist das natürlich auch wieder so ein Riesenfeld. Wir gehen mal von einer Oberstufe eines Gymnasiums aus. Nach wie vor ist es ganz gut dass da ein recht breites Spektrum aufgefächert wird. Ich finde es gut, dass da gewisse Sachen immer noch wichtig sind, wie die Beherrschung der deutschen Sprache, wie mathematisches Grundverständnis, gewisse naturwissenschaftliche Fächer, dass die nicht rüber kippen und dass die Schulen schon ein recht großes Spektrum anbieten. Das war es aber auch schon fast. Alles andere an Schulen ist zu kritisieren. Es fängt mit den baulichen Mängeln an. Es fängt damit an, dass Lehrer oftmals völlig frustriert sind, weil sie überhaupt nicht gerne Lehrer sind, sondern das machen, weil sie als Beamte natürlich einen bestimmten Status haben. 90% aller Lehrer, und ich habe mit hunderten Lehrern gesprochen, sind unzufrieden mit dem, was sie tun. Sind also eher intrinsisch motiviert, sehen eher ihren Gehaltscheck oder ihre Beamtenpension. Das ist leider sehr schlecht. Also wenn es nach mir ginge, würde es ein komplett anderes Schulsystem geben. Aber da hört ja keiner drauf.

Welches würden Sie bevorzugen? Oder gibt es da bereits Länder, die Vorreiter sind?

Bisher gibt es leider keine Vorreiter. Es gibt so Ansätze, die in diese Richtung gehen. Das Schulsystem, das mir vorschwebt, ist ein komplett durchlässiges und flexibles Wahlsystem. Das bedeutet, Sie haben in jedem der Hauptfächer die Möglichkeit in drei oder vielleicht sogar fünf, je nach Größe der Schule,  verschiedenen Niveaus zu lernen. Es gibt zum Teil in Gesamtschulen die Grundkurse und die Erweiterungskurse. Das ist ja schon ansatzweise so gedacht. Aber nehmen wir beispielsweise mal ein Deutschniveau eins bis drei. Ein Schüler, der in Deutsch super ist, kann ruhig in Niveau drei sein, aber in Mathe ist er in Niveau eins. Eventuell wäre er dann in Physik in zwei. Also: Kurse, die alle immer recht gleich gestrickt sind, aber die auch eine hohe Transparenz und Durchlässigkeit erlauben. Das heißt, wirklich den Schülern gerecht zu werden, ihre Potentiale aufzugreifen und die Schüler, die gut in Deutsch sind, nicht in der Klasse mit denen zusammen sitzen zu lassen, die in Mathe super sind, wo sie selber kaum ein Bein auf die Erde kriegen. Inidividueller werden wäre da ein richtiger Schritt.

Sie sprechen also von einer Kompetenzorientierung in Schulen?

Absolut. Kompetenzorientiert, auch ressourcenorientiert, potenzialorientiert bis hin zu kleineren Klassen und pragmatischeren Aufgaben, zu mehr Gruppenarbeit, zu weniger Frontalunterricht und mehr Projektarbeit.

Wahrscheinlich wären Schüler allein dadurch schon sicherer bzgl. dessen, was ihnen liegt und was eher nicht.

Naja, ein anderes Beispiel erzählte mir kürzlich ein Schüler in der höheren Handelsschule. Die Schüler haben die Lehrer gefragt: „Können wir nicht mal eine Steuererklärung zusammen durchgehen?“ Der Lehrer sagte, das stehe nicht auf dem Lehrplan. Das machen wir nicht. Da haben alle gesagt: „Was soll das denn? Gerade das ist doch, was wir wissen müssen. Wie bewerbe ich mich? Wo bewerbe ich mich? Wie mache ich eine Steuererklärung? Welche Sozialversicherungen gibt es? Wie kann ich jetzt schon mit 19 an meine Rente irgendwie denken?“ Also solche Fragen brennen Schülern zum Teil auch schon unter den Nägeln und die werden in den Schulen einfach konsequent missachtet. Also die Verzahnung Schule und Leben ist nach wie vor für mic, an vielen Stellen so gut wie gar nicht vorhanden. Das liegt aber an der Institution Schule. Das ist also ein ganz klarer Faktor, der die Sache und die gesamte Orientierung hemmt.

Es ist ja auch so, dass immer mehr junge Menschen ihre Ausbildung abbrechen, ihr Studium abbrechen, bis zu drei verschiedene Studiengänge anfangen und doch nicht glücklich damit werden. Woran könnte das in Ihren Augen liegen? Das scheint ja vor allem heutzutage ein Problem zu sein.

Ich bin ganz überrascht, dass es manchmal weniger an den Inhalten liegt und an der Forderung, sondern oftmals an den sogenannten Randbedingungen und am beruflichen Umfeld. Das heißt der Chef schnauzt einen von morgens bis abends an – die Jugendlichen brechen ihre Ausbildung ab, mit dem Gedanken: “Mechatroniker ist für mich gestorben!“ und würden unter Umständen in einer anderen Firma, wo der Chef wesentlich freundlicher ist, ihren Wunscharbeitsplatz in dem Bereich finden. Viele schmeißen einfach ihre schlechten Erfahrungen in einen Topf, verrühren das und sagen: „Dadurch ist der Beruf für mich gestorben!“, was fatal ist. Also man sollte sehr genau hinschauen: Woran liegt es? Wo wart ihr zufrieden? Wo wart ihr glücklich? Und was ist das, was euch entsprechend nicht gefällt, oder wo ihr sagt, deswegen schmeiße ich hin. Gut, es gibt Dinge, die kann man in keinem Betrieb ändern. Nehmen wir mal die Krankenpflege, da müssen Sie immer im Schichtdienst arbeiten. Und wer dann sagt: „In der Ausbildung hat der Schichtdienst mich bereits alle gemacht.“, der wird nicht in eine andere Krankenpfleger-Schule wechseln, weil die sich gegen den Schichtdienst und damit auch gegen den Beruf entscheiden. Aber oftmals ist es wirklich eine Entscheidung, die leider zu schnell kommt und wo man sehr genau gucken muss: Ist es der falsche Ort? Sind es die falschen Menschen, mit denen ich arbeite? Ist es ein Betrieb, der mich nicht fördert und mich nicht motiviert? Oder ist es wirklich der Beruf, der falsch ist für mich? Also da wird zu wenig differenziert und zu wenig drauf geachtet, wenn die Azubis abbrechen.

Glauben Sie, die Leute geben mittlerweile auch zu schnell auf?

Ja, auch das ist der Fall. Das geht schnell. Dieses Durchbeißen ist tatsächlich weniger vorhanden. Es ist tatsächlich ein Phänomen, was schnell passiert, weil die ganze Welt einfach schnelllebiger ist. Kein Jugendlicher guckt mehr einen Film über 90 Minuten, ohne 25 Mal auf‘s Handy zu schauen oder gleichzeitig andere Dinge zu tun. Also es ist so, dass viele dieses Durchhaltevermögen nicht mitbringen und dazu haben wir eine ältere Generation von Auszubildenden, die das erwarten, weil sie es selber auch nicht anders kennen. Da wird von einem Jugendlichen erwartet, dass er aus einem großen Metallblock einen Hammerkopf macht und dafür vier Wochen braucht, weil man es früher ja auch so gemacht hat, nicht wahr? Und der Jugendliche sagt nach einer Woche: „Leck mich, ich hab keinen Bock mehr!“ Also da prallen manchmal auch die Welten aufeinander.

Was würden Sie denn jungen Menschen mit auf den Weg geben, die sich beispielsweise Sorgen um Lücken im Lebenslauf machen? Oder an sich zweifeln: Jetzt hab ich mein Studium abgebrochen, jetzt wird aus mir überhaupt nichts mehr.

Ich würde ihnen erst einmal den Schrecken nehmen wollen, dass ein gerader Lebenslauf die einzige Eintrittskarte für ein glückliches Berufsleben ist. Ich würde ihnen einige Beispiele aufzählen von Menschen die ich kenne, mich persönlich inbegriffen übrigens, die Studiengänge abgebrochen und neu aufgerollt haben, die ein bisschen gebraucht haben, ihren Weg zu finden. Man muss ihnen den Schrecken nehmen, wenn man mit 18 was falsch macht, wird einen das mit 65 einholen. Das ist ganz wichtig, dass man da hervorhebt, dass eine Fehlentscheidung sich nicht für immer auswirkt. Das wird leider vielen Menschen so mitgegeben, dass eine Entscheidung zu sehr beeinflussend ist und das Scheitern wird wirklich zu sehr als Scheitern verkauft. Es wird wenig als Chance für einen Neuanfang gesehen, aber das ist unsere Kultur in der wir leben, auch unsere Arbeitskultur. Also da würde ich Jugendlichen auch in Verbindung mit Menschen bringen, die auch einen krummen Lebensweg gemacht haben und trotzdem erfolgreich wurden. Ich rede dabei nicht unbedingt von Bill Gates oder Günther Jauch, die ja beide wissentlich ihr Studium abgebrochen haben, sondern vielleicht von Anderen wie zum Beispiel den Eltern, die sagen „Ich habe auch drei Semester Jura studiert, es war nichts und da habe ich doch die Stadtplanung für mich entdeckt und jetzt bin ich auch glücklich in dem was ich tue.“ Also wirklich Beispiele zeigen von Menschen, die keinen geraden Lebensweg haben und trotzdem mit dem zufrieden sind, was sie tun. Das nimmt den Schrecken.

Man sieht ja auch zunehmend auf unseren Messen: Leute 50+ haben noch eine Chance. Es gibt Quereinsteiger und auch extra Programme für Quereinsteiger. Somit werden ja genau solche Leute aufgefangen, die sich zu einem späteren Zeitpunkt in ihrem Leben nochmal anders verwirklichen möchten.

Ja. Jugendliche machen oft lieber gar nichts als eine falsche Entscheidung zu treffen, weil sie natürlich auch die Angst haben etwas zu tun, was ihr Leben dann letztendlich versaut. Es gibt natürlich auch Arbeitgeber, die sehen das ganz genau so, die haben das ganz gerne geradlinig, aber die sterben nach und nach aus. Also immer mehr Arbeitgeber sind inzwischen soweit, dass sie sagen: „Ach wissen Sie was, ich habe selber früher auch nicht unbedingt den geraden Weg gemacht.“ Und es gibt so viele mit unterschiedlichen Ausbildungen, die aus unterschiedlichen Ecken kommen und sagen: „Ich habe aus jeder beruflichen Erfahrung etwas mitgenommen.“ Also die lebenslange Arbeit in einem Berufsfeld ist sowieso Schnee von gestern und das müssen Jugendliche verstehen. Viele denken, wenn sie Medizin studieren, nur Arzt werden können. Falsch. Viele arbeiten in der Pharma-Industrie, die schreiben Gutachten, die sind in Gesundheits-Beratungsstellen tätig und bekommen keinen Patienten zu Gesicht. Wie viele Juristen sitzen in Firmen und nicht in der Kanzlei? Also auch das ist wichtig, auch mal lebensnahe Beispiele von Menschen zu finden, die etwas studiert haben und etwas ganz anderes machen.

Wie könnten solche Punkte stärker in der Öffentlichkeit thematisiert und diskutiert werden?

Letztens habe ich so eine offene Expertenrunde gesehen, das war toll! Wo Jugendliche hinkommen und sich gemeinsam mit Experten zusammensetzen. Die Experten sollten dabei auch nicht unbedingt die Überflieger sein, die sagen: „Also mit 17 habe ich schon mein Abitur  mit 1,3 gemacht und dann war ich 2 Jahre im Ausland und dann bin ich bei Harvard gelandet und jetzt bin ich Doktor.“ Das erschreckt die jungen Leute. Das verschüchtert die. Also dann lieber jemanden nehmen, der sagt: „Das lief auch nicht immer alles ganz optimal bei mir, aber ich habe nach einer Zeit meinen Weg gefunden. Verliert nicht den Mut. Verliert nicht die Hoffnung.“ Also da mit Leuten sprechen, Jugendliche mit Erfahrenen konfrontieren, die solche Beispiele aufzeigen und sagen: „Ihr seid nicht alleine. Das ist nicht schlimm. Aber von alleine kommt es auch nicht, also nur die Füße hochlegen, das ist auch nichts.“ Das würde, glaube ich, einigen gut tun und das ist eigentlich auch ein ganz gutes Instrument.

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